Blog, Schreibtipps
07.07.2014

Musik mit den Pausen

Ein Plädoyer für das Komma
von Josefine Gottwald
Meine Lektorin für die Ebook-Projekte, Jana Isabelle Treuter, meinte bei der Bearbeitung, meine vielen Kommas könnten an einigen Stellen den Lesefluss zum Stocken bringen. In Sätzen, wie: »Er beschloss, zu gehen« sei das Komma völlig überflüssig und würde nur zur Verwirrung beitragen. Ich weigerte mich – aber ich hatte einen guten Grund.


(Bild: Sergey Nivens)

Kürzlich habe ich das Korrektorat für einen befreundeten Autor übernommen und festgestellt, dass ich den Drang entwickelte, in jedem Satz drei Kommas mehr zu setzen, weil er neben Punkten am Satzende so gut wie keine Zeichen verwendete. Um den Stil nicht allzu sehr zu beeinflussen, setze ich so wenige wie möglich, aber da die Formulierungen in der Regel mehrere Zeilen lang waren, begann ich, noch einmal über die Strukturierung durch Kommas nachzudenken.

Die Kommaregeln[http://grammatik.woxikon.de/kommaregeln-deutsch.php] überlassen heute vieles dem Ermessen des Autors, wie zum Beispiel bei Infinitiverweiterungen (Sie behauptete, nüchtern zu sein.) oder Kombinationen zweier Hauptsätze mit eigenem Subjekt (Sie trank zügig, und die Flasche war schnell leer.). Ich habe mich entschieden, an solchen Stellen konsequent zu sein. Je länger das »Anhängsel« am ersten Teil des Satzes ist, desto unübersichtlicher kann es werden. Ein Satz, in dem laut Duden kein einziges Komma gesetzt werden müsste, könnte lauten: »Ihr gefielen die Schuhe und das Kleid zog sie an und drehte sich um es gebührlich vorzuführen.« Verwirrung komplett?

Die Vermeidung solcher Missverständnisse führte dazu, dass ich heute auch Sätze schreibe, wie: »Er beschloss, zu gehen« – und mich dabei sehr wohl fühle! Die Meinung, dass der Leser hier ins Stocken geraten muss, teile ich inzwischen nicht mehr. Wie ein Schauspieler ist der Leser Interpreteur des Textes, und er liest für die Ohren. Das Komma bereitet ihn im Satz darauf vor, dass sich etwas ändert, und lässt ihn bewusst auf seine Struktur achten. Dieses kleine Alarmlämpchen, das sagt: »Achtung, wir können hier nicht im selben Tonfall weitertrotten!«, wird im Laufe des Textes immer selbstverständlicher und immer weniger als störend wahrgenommen – zumindest besagt das meine These.

Leser nehmen den Stil auf

Ich glaube, dass sich der Leser in einen Text auch »einliest«, dass er nach ein paar Absätzen schon den Stil des Autors erkennen kann, sofern dieser ihm treu bleibt. Was die Satzzeichen angeht, versuche ich selbst – nach der Stilistik-Lehre von Wolf Schneider – regelmäßig jedes unserer (nur) fünf Satzzeichen zu nutzen, um die Variation und rhetorische Stärke des Textes zu erhöhen.

Bei meinem Korrektorat-Manuskript war das ganz und gar nicht der Fall: Sogar Fragezeichen fehlten – von Gedankenstrichen, Doppelpunkten und Semikolons ganz zu schweigen. Ich glaube, wenn man seinen Text nur durch Kommas und Punkte (ausnahmsweise auch Ausrufezeichen) strukturiert, haben diese einen anderen Stellenwert, als wenn man die gesamte »Bandbreite« nutzt.

Das Komma als Pause fungiert als stärkere Unterbrechung, wenn es zwischen den Alternativen »Leerzeichen« und »Punkt« angesiedelt wird. Gemessen am Einfluss auf die Betonung und Pausierung des Leseflusses durch satzzeichen, arbeite ich nach der Hierarchie: [Leerzeichen] – Komma – Gedankenstrich – Semikolon – Doppelpunkt – Punkt – Ausrufezeichen – Fragezeichen.

Wie in der Musik erreicht man die Wirkung des Inhalts nur durch die Pausen dazwischen. (Bild: Sergey Nivens)Das Leerzeichen stellt die am geringsten wahrgenommene Trennung dar – obwohl wir es zwingend brauchen, um unsereWörternichtineinanderfließenzulassen. Die hier noch untergeordnete Trennung wäre vielleicht die Großschreibung (erst kürzlich habe ich bei einer Jurorentätigkeit bemerkt, wie sehr es mich verwirrt, die deutsche Sprache nur in Kleinbuchstaben lesen zu müssen...) - aber vielleicht betrachtet man das auch im Kontext der »Hervorhebung«, gleichgestellt mit Arten der Text-Formatierung.

Den deutlichsten Stempel bekommt ein Satz durch das Fragezeichen: Hier lässt uns der Autor kaum Spielraum für die Betonung, eine Frage ist eine Frage. Das ist auch der Grund, weshalb ich mir manchmal die Freiheit nehme, selbst bei eindeutiger Frageformulierung das Zeichen zu ersetzen, zum Beispiel bei: »Was hast du dir nur dabei gedacht!“ oder »Hab ich es dir nicht gesagt!«

Die Hierarchie der Satzzeichen

Hat der Leser diese Hierarchie unterbewusst aufgenommen (entweder durch den Text des Autors, den er gerade liest, oder auch, weil er häufig Werke mit großer Satzzeichenvariation konsumiert), wird er meiner Meinung nach nicht mehr an jedem einzelnen Komma hängen bleiben. Das liegt daran, dass die Trennung oder Pausierung durch beispielsweise Gedankenstriche, Semikolons oder Doppelpunkte vielfach stärker ist und das Komma damit an »bremsender Wirkung« verliert.

Diese Erklärung macht es denke ich auch unnötig, noch ein Plädoyer für die Verwendung aller unserer Satzzeichen anzuschließen. Wolf Schneider meint dazu: »Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten!« Das einzige, womit ich in belletristischen Texten sehr spare, sind Klammern, denn sie dienen eher der Informationsübermittlung als der der Erzählung und setzen einen starken Bruch, der den Leser aus seinem Fluss reißt – was man aber natürlich auch ganz bewusst nutzen kann. Wieder mal lässt sich feststellen: Es gibt nichts, was es nicht gibt! Und getreu Paracelsus ist alles eine Frage des Maßes.

Weiterführend beinhaltet die These auch bezogen auf Genres, dass sich Leser in die Gepflogenheiten »einlesen« können: Zeitungsartikel bauen sich anders auf als Krimis und die wiederum lesen und schreiben nicht dieselben Leute wie Erzählungen oder unterhaltsame Sachbücher. Vermutlich wird es aufgrund dieser Beobachtung eher akademischer Lektüre zugeschrieben, dass sie unbedarftere Rezipienten mit Satzzeichen »verwirre« und »im Regen stehen lasse«. Ich akzeptiere eine Vereinfachung in dem Umfang, dass ich Leser berücksichtige, die aufgrund mangelnder Erfahrung noch nicht in der Lage sind, alle Satzzeichen mit ihren subtilen Nuancen zu interpretieren. Ein klassischer Fall ist das Kinderbuch, bei dem man mit Semikolons und Gedankenstrichen eher sparsam sein sollte, und Hauptsätze lieber einmal zu oft als einmal zu wenig durch einen Punkt trennt. (Das rechtfertigt meiner Meinung nach nicht die Idee, in Kinderbüchern oder überhaupt irgendwo nur »kurze« Sätze schreiben zu dürfen, aber dazu an anderer Stelle mehr.) Doch auch Kindern kann man mehr zutrauen, als man glaubt, und irgendwann haben wir schließlich alle einmal begonnen, zu lernen.

Fazit: Mit dem bewussten Einsatz von Satzzeichen könnt ihr die rhetorische Stärke eures Textes erhöhen und euren Leser an die Hand nehmen, um ihm euren Weg zu zeigen. Denn ein fehlendes Komma kann ebenso zum Stocken bringen wie eines zu viel – wie immer sind die Grenzen fließend zwischen flüssig und überflüssig.


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